Samstag, 8. August 2009

Der Fußspurensammler

„Du sammelst auch alles!“

„Nein“, antwortet Karl ruhig und entschieden, „meine Fußspuren nicht“ und dann beginnt er von dem eigenartigen Mann zu erzählen, der ihm begegnet war.

Es war am Meer; Karl hielt inne und betrachtete seine Spuren im Sand; sie waren tief, hatten Kraft gekostet, es hatte ihm Spaß gemacht dort zu gehen.

Dann geht er dort wo es einfacher ist. Mit einem Male ist jemand neben ihm. Sie grüßen und nach einer Weile beginnen sie zu erzählen, erst wenig und dann mehr und mehr. Sie verstehen sich. Der Fremde wird immer weniger fremd; er sammelt auch alles. Mit einem Male bleibt er stehen und erklärt, er müsse seine Fußspuren einsammeln, damit er sich jederzeit auf den Schritt genau an diese Strandwanderung erinnern kann; wenn er das will.

Dann dreht er sich um und beginnt, den halben Kilometer zurückzugehen. Er hat einen Rucksack mit, der aber nicht schwer wirkt. Er bückt sich auch nicht, sondern sein Wille und eine Geste mit der Hand reichen aus, und die Fußspur ist im Rucksack. Der aber wird nicht schwerer. Was ist das für ein Verfahren?

Karl amüsiert sich über seine Idee, auf der Terrasse einer Penthousewohnung in Form einer auf der Spitze stehenden Pyramide, alles sammeln zu können; also nach und nach das ganze Universum. Und wenn dann was fehlt, hat er den indirekten Beweis erbracht, daß er nicht alles sammelt.

Der Geheimnisvolle kommt zurück; er geht schneller. Er sammelt nicht. Karl geht weiter, sieht sich ab und zu um. Dann ist der Sammler wieder dort, wo die beiden sich trennten. Er hat jetzt zwei Reihen von neuen Spuren hinterlassen. Doch das sind Sekundärspuren, die dem Einsammeln dienten und nicht fürs Erinnern notwendig sind.

Jetzt beginnt der Sammler seinen zweiten halben Kilometer, Karl aber seinen vierten. Beide können einander gerade noch erkennen.

Karl denkt an sein Haus voller Erinnerungsstücke. Er wandert zehn Kilometer und wartet. Der Fußspurensammler aber müsste dreißig gehen um bei ihm anzukommen.

Karl ist ihm nie wieder begegnet.

Er hörte noch einige Male von ihm; dann nichts mehr. Und schließlich hieß es, er habe die Lust am Leben verloren und sich einfach aufgelöst, weil die Mühe um die Vergangenheit seine Gegenwart auf ein Drittel verkürzt hatte.

Montag, 29. September 2008

Dem Auto sieht man die Wut des Fahrers nicht an


Ich fummel vier Wagenlängen zwischen dem dritten und vierten Gang herum und finde den ersten nicht. Im vierten anzufahren, ist so gut wie Stehenbleiben. Der Stolz, das überhaupt zu schaffen, tritt dann nicht mehr auf, wenn man andere dadurch behindert. Ich verplempere sechzig Prozent des Grüns, schaffe es selber noch. Und der hinter mir?

Dem Auto, das sich langsam im Rückspiegel entfernt, weil es an der Ampel ohne eigene Schuld stehen bleiben muß, sieht man die Wut des Fahrers nicht an.

Freitag, 12. September 2008

Rose aus Salatschüsseln


Du mußt trinken, sagt Susanne zu Wilhelm. Wilhelm ist schon fünfundsiebzig, und er nippt nur alle zehn Minuten an einem Bier.
Da fällt mir mein Durst ein, den ich nach einem langen Dauerlauf in Südfrankreich bekommen hatte. Ein außergewöhnlicher Durst.
Sonst trocknest du aus, ergänzt Susanne.
Das war das Geheimnis: Ich kenne mich aus im Dauerlauf. Nur diese Hitze kannte ich nicht. Ich hatte sie zwei Stunden lang als angenehme Wärme empfunden.

Im Auto war nichts zu Trinken. Mit dem Bewußtsein, den Lauf unter Dach und Fach zu haben, überlegte ich während der kurzen Rückfahrt, was mir schmecken könnte. So wählerisch bin ich nie. Erst beim Aussteigen fiel mir beim Klappen der Autotür die Entscheidung zu: Rosewein!

Eine Flasche ist noch im Kühlschrank, erinnere ich mich. Ich suche ein Glas und blicke zufrieden in der sonnigen Küche umher. Kein Glas gefällt mir. Schließlich öffne ich eine Schranktür nach der anderen. Es gibt kein schönes Glas in der Ferienwohnung.
Soll ich den Wein aus der Flasche trinken oder Leitungswasser aus der Hand und dann duschen? Ich bin zwei Stunden bergauf und bergab gelaufen, habe den Duft der Provence mit der ganzen Haut gespürt und etwa drei Liter Flüssigkeit hergegeben wie die weißen Streifen und Flecken auf meinem Hemd zeigen.
Es geht nicht mehr um den Durst, es geht um die Feier des Durstes.
Dann finde ich ein Fach mit Schüsseln. Eine gläserne gefällt mir sofort, auch die Größe. Am Licht hält sie, was ich beim ersten Blick sah. Die nehme ich.

Dienstag, 19. August 2008

Mole


Der Wind kommt von über all
Und ab und zu von links eine Fähre
Travemünde
Passat
Priwall
Das schmale Band der Ostzone
Der helle Faden
Sand Strand Steine
Bis zum Bogen
Zum Ende der Lübecker Bucht

Der Wind kommt von überall
Und ab und zu ein Schiff

Montag, 14. Juli 2008

Stahlkugeln


Plötzlich waren sie da. So groß, daß ich drei gleichzeitig in der Hand halten konnte. Mein Vater war bei Junkers und dann im Krieg. Die Kugeln stammten wohl von ihm. Er hat sie gewiß auch gemocht. Jetzt waren sie für mich.

Fünf Kugeln.
Blank, schön, gleichmäßig, hart. Sie klangen gut.
Ich lernte dabei Physik und Vorgehensweisen und forschte, ohne es zu merken.
Immer wieder ließ ich sie in der Rille des Deckels eines Vorratsbehälters laufen, in beide Richtungen, unterschiedlich viele. Der Rest blieb liegen und wartete auf den Aufprall.

Die größte Überraschung war, daß eine Kugel, die ich los schickte auch nur eine von den vier anderen absprengte und daß diese sich mit der selben Geschwindigkeit davon machte.

Als ich drei von den fünf auf den Weg schickte, sie also nur auf zwei stoßen konnten, schossen drei davon.

Es war als sei das abgesprochen worden.

Ein schönes Spiel! Einfach, drastisch, unbestechlich.
Später erst bekam ich die Erklärung: Die Energie, die in etwas Bewegtem steckt, bleibt beim elastischen Stoß erhalten.

Montag, 16. Juni 2008

Die leere Coladose


Vom Kantstein löst sich eine Dose und beginnt auf der Straße zu rollen, als wolle sie vor dem Abendbrot ein Stündchen flanieren. Eine Coladose, man hört es an ihrem Gesang. Sie singt immer, wenn sie spazieren geht. Sie ist fröhlich. Sie ist frei von ihrer alten Funktion. Sie braucht nun kein Getränk mehr zu bewahren. Sie freut sich über die Makellosigkeit der Straße. Sie selber ist noch ebenmäßiger. Man kann sie kaum noch sehen. Deutlich und freundlich tönt sie noch eine Weile. Ob sie dort übernachtet, wo sie hin wollte.