Freitag, 12. September 2008
Rose aus Salatschüsseln
Du mußt trinken, sagt Susanne zu Wilhelm. Wilhelm ist schon fünfundsiebzig, und er nippt nur alle zehn Minuten an einem Bier.
Da fällt mir mein Durst ein, den ich nach einem langen Dauerlauf in Südfrankreich bekommen hatte. Ein außergewöhnlicher Durst.
Sonst trocknest du aus, ergänzt Susanne.
Das war das Geheimnis: Ich kenne mich aus im Dauerlauf. Nur diese Hitze kannte ich nicht. Ich hatte sie zwei Stunden lang als angenehme Wärme empfunden.
Im Auto war nichts zu Trinken. Mit dem Bewußtsein, den Lauf unter Dach und Fach zu haben, überlegte ich während der kurzen Rückfahrt, was mir schmecken könnte. So wählerisch bin ich nie. Erst beim Aussteigen fiel mir beim Klappen der Autotür die Entscheidung zu: Rosewein!
Eine Flasche ist noch im Kühlschrank, erinnere ich mich. Ich suche ein Glas und blicke zufrieden in der sonnigen Küche umher. Kein Glas gefällt mir. Schließlich öffne ich eine Schranktür nach der anderen. Es gibt kein schönes Glas in der Ferienwohnung.
Soll ich den Wein aus der Flasche trinken oder Leitungswasser aus der Hand und dann duschen? Ich bin zwei Stunden bergauf und bergab gelaufen, habe den Duft der Provence mit der ganzen Haut gespürt und etwa drei Liter Flüssigkeit hergegeben wie die weißen Streifen und Flecken auf meinem Hemd zeigen.
Es geht nicht mehr um den Durst, es geht um die Feier des Durstes.
Dann finde ich ein Fach mit Schüsseln. Eine gläserne gefällt mir sofort, auch die Größe. Am Licht hält sie, was ich beim ersten Blick sah. Die nehme ich.
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